Turm zu Peist

Von Edelleuten und Klosterräubern-
Der verschwundene Turm zu Peist



Das wildromantische Schanfigg mit seinen steilen Tobeln bot den Menschen schon seit frühester Zeit gute Siedlungsmöglichkeiten: Alemannen, Romanen und Walser liessen sich bereits in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung zumeist auf der rechten sonnenüberfluteten Talseite nieder.

Auf dieser zog sich der einstige durchgehende Transitweg über den Strela nach Davos hin. Sieben Burgen standen während der Feudalzeit entlang des so wichtigen Pfades; keine trutzigen Ritterburgen, die, auf sturmfreier Höhe erbaut, über die umliegenden Gebiete herrschten; sie bestanden lediglich aus einem Turm und hatten keinen anderen Zweck, als die Strassen und die Kolonnen zu schützen. Ein einziger Turm stand auf der linken Seite des Tales, bei dem Dörfchen Tschiertschen.

 Einzelne dieser Türme mögen bereits vor dem Jahr 1000 errichtet worden sein, jedoch nicht für die Ewigkeit: nur ein paar wenige Generationen der einheimischen Adelsfamilien bewohnten die Burganlagen. Im Jahre 1570 konnte der Bündner Geschichtsschreiber Campell nur noch von deren Ruinen berichten.

Bis in die heutige Zeit erhalten geblieben sind nur drei der einst so stolzen Türme; von einem sind noch die Fundamentmauern sichtbar, die übrigen vier sind, ohne Spuren ihrer Existenz hinterlassen zu haben, verschwunden. Damit wurden sie begehrte Objekte für Mutmassungen und Nachforschungen. Wo sie wohl gestanden haben? 
Jener zu Peist, der letzte auf der rechten Seite, war einer der Türme. Längst ist er ein Raub der unerbittlichen Zeit geworden; die Burgstelle aber kann noch am Südrande des Dorfes in der Nähe des alten Talweges lokalisiert werden. Etwas unterhalb dieses Pfades auf einer niedrigen Bodenerhebung erbaut, wurde der Turm zu Peist fälschlicherweise als „Burg Unterwegen“ identifiziert. Die Ritter von „Unterwegen“ tauchten aber erst über ein Jahrhundert nach den in Peist residierenden Edelleuten auf.  In der Zeit zwischen dem 13.Jh. und Anfang 15.Jh. diente der Turm als Wohnstätte zweier einheimischer Adelsgeschlechter, deren „von Schanfigg“ und deren „ de Peiste“.



Die Ortschaft Peist erscheint urkundlich erstmals am 6. Mai des Jahres 1209. Neben den Höfen in Malix und Maladers schloss der päpstliche Konfirmationsbrief von Papst Innozenz auch denjenigen in Peist, den Hof „zu Baisten“ mit ein.

Anno 1139 tritt ein „Upaldus de Scanavico“ ins Licht der Geschichte, er wird als vornehmer Zeuge bei dem Verkauf von Gamertingischen Gütern im Engadin an das Bistum Chur zum erstenmal aufgeführt. Ihm folgen „Mathilde“ und ihr Sohn „Fridericus de Scanavico“. Die Familie Schanfigg stand zunächst im Dienstverhältnis zur Kirche von Chur, später zu den Freiherren von Vaz und den Grafen von Werdenberg-Sargans. Das Wappen der Schanfigg ist und überliefert, im Gegensatz zu demjenigen der Familie von Peist, es zeigt ein Steinbockhörnerpaar ohne Grind.
Neben den frühen Zeugnissen über Upaldus, Mathilde und Fridericus finden wir das Siegel eines Ursecus de Scanavico. Dieses könnte anno 766 unter des Testament des Churer Bischofs gesetzt, darauf hindeuten, dass die Wurzeln deren von Schanfigg bis weit ins 1. Jahrtausend zurückreichen.

Bleiben wir nun in diesem 1.Jahrtausen, so finden wir im Jahre 841 zum erstenmal den Ausdruck „Scanevicum“ für die Talschaft Schanfigg. Eine definitive etymologische Deutung konnten die Sprach - und Geschichtsforscher bis anhin noch nicht anbieten; immerhin spricht einiges für die Herleitung des Namens von „scanabis“ (= Hanf), was bedeuten würde, dass unser heutiges Schanfigg ursprünglich als „Hanfland“ bezeichnet worden war. Nicht zu unrecht, hatte doch bis zum Beginn des 20. Jahrhundert jedes Dorf von Maladers bis Peist sein „Hanfland“, oft sogar mehrere.

 

Text aus der Aroser-Zeitung vom 24. April 1987 , abgeschrieben von Jakob Kamber, Peist, 2002.